Achtzehnter Brief

»Im Namen dessen, der gepriesen sei. Und es gibt kein Ding, das nicht lobend Ihn preist.« (Sure 17, 44)



(Dieser Brief enthält drei wichtige Fragestellungen.)

Die erste bedeutende Fragestellung: Berühmte Heilige, wie Muhyiddin al-Arabi (möge Gott seine Geheimnisse heiligen), der Verfasser des »Futuhat al-Mekkiya (Die Eröffnung der islamischen Welt)« oder das berühmte »Der vollkommene Mensch« genannte Buch des Seyyid Abdulkerim (möge Gott seine Geheimnisse heiligen), berichten von den sieben Schichten der Erde und von der Weißen Erde hinter dem Berg Qaf und von merkwürdigen Dingen, die im »Futuhat« Meschmeschiye genannt werden und die sie gesehen haben wollen. Doch ist das, wovon sie da berichten auch wahr? Doch auch wenn es wahr wäre, so haben diese Plätze keinen Platz auf unserer Erde. Darüber hinaus sind diese Dinge, von denen sie da berichten, von den Geographen und anderen Wissenschaftlern nicht bestätigt. Wenn aber (diese Dinge) nicht wahr sind, wie können dann (diese Menschen) noch Heilige sein? Wie können Leute, die Dinge erzählen, die der Wahrheit zuwiderlaufen, die nicht den Tatsachen (Haqq) entsprechen, Leute der Wahrheit sein?
Antwort: Sie sind Leute der Wahrheit und der Tatsachen. Sie sind auch Leute der Heiligkeit und der inneren Schau. Was sie geschaut haben, haben sie korrekt gesehen, doch da sie sich bei ihren Erklärungen noch immer im Zustande dieser ihrer inneren Schau befanden, drückten sie das, was sie geschaut hatten, gleich Träumenden aus, weshalb ihre Perspektive eingeschränkt und ihr Urteil in einzelnen Abschnitten falsch war. So wie der Träumende seinen Traum nicht auszulegen vermag, so konnten auch diese Art Leute der Entdeckungen und Schauungen nicht ihre eigenen Visionen auslegen, während sie selbst sich noch im selben Zustand befanden. Diejenigen, welche sie auszulegen vermochten, werden die »Reinen (Asfiya)« genannt und sind die wahren Schüler der Erben der Propheten. Sobald diese Art Zeugen erst einmal zum Rang (maqam) der Asfiya aufgestiegen waren, verstanden sie in der Rechtleitung durch das Buch und die Sunnah die Irrtümer und konnten sie so korrigieren; und das taten sie dann auch.
Höre als Beispiel die nachstehende Erzählung, welche diese Wahrheit darlegen wird. Es ist dies wie folgt:
Es waren einmal unter den Hirten zwei Leute des Herzens. Sie molken die Milch in einen hölzernen Zuber und stellten ihn dann beiseite. Dann legten sie ihre Hirtenflöte auf den Milchzuber und der eine von beiden sagte: »Ich bin müde.« und legte sich schlafen. So schlief er denn eine Weile. Während der andere ihn noch beobachtete, sah er, wie ein Ding, das einer Fliege glich, aus der Nase des Schlafenden hervorkroch, den Milchzuber betrachtete, schließlich an dem einen Ende in die Flöte hinein und am anderen Ende wieder heraus krabbelte, worauf es in einem Loch unter einem Dornstrauch verschwand. Einige Zeit später kam das Ding von dort wieder hervor, krabbelte wieder durch die Flöte hindurch und zurück in die Nase des Schläfers; worauf dieser erwachte und sagte: »Mein Freund! Ich hatte einen sonderbaren Traum.« Der antwortete ihm: »Möge Gott es für dich etwas Gutes sein lassen! Was war es denn?« Da erzählte er: »Ich habe ein Meer von Milch gesehen, über dem sich eine merkwürdige Brücke erstreckte. Diese Brücke war von oben überdacht und sie hatte auch noch Fenster. Ich bin durch diese Brücke hindurch gegangen. Ich habe einen Hain von Eichen gesehen, deren Wipfel alle spitz zuliefen. Darunter erblickte ich eine Höhle. Ich bin hinein gegangen. Da entdeckte ich einen ganzen Schatz von Gold. Nun möchte ich wissen, wie man das auslegen soll.«
Sein Freund, der wach geblieben war, antwortete ihm: »Das Meer von Milch, das du gesehen hast, ist hier in diesem Zuber. Die Brücke ist unsere Flöte hier. Der Eichenhain mit den spitz zulaufenden Wipfeln ist der Dornbusch dort und die Höhle das kleine Loch (unter ihm). Bring mir eine Hacke, dann werde ich dir auch den Schatz zeigen!« Er holt eine Hacke herbei. Dann gruben sie unter dem Dornstrauch nach und fanden unter ihm genug Goldstücke, um sie für diese Welt zufrieden zu stellen.
So war denn das, was der Schläfer geträumt hatte, richtig und richtig, was er gesehen hatte. Weil es ihm aber an Verständnis fehlte, während er noch träumte, und weil er deswegen kein Recht hatte, den Traum selbst zu deuten, er auch nicht unterscheiden konnte zwischen der materiellen Welt und einer Welt von Symbolen (manevi) und sein Urteil deswegen zum Teil falsch war, sagte er: »Ich habe tatsächlich ein richtiges Meer gesehen.« Weil aber der Mann, der wach geblieben war, zwischen der physischen Welt und der Welt der Bilder unterscheiden konnte und so das Recht hatte, (Träume) zu deuten, sagte er: »Was du gesehen hast, war zwar richtig, aber doch kein echtes Meer, vielmehr erschien dir unser Milchzuber in deiner Vorstellung wie ein Meer, unsere Flöte wie eine Brücke usw...« Das also heißt: man muss die materielle Welt und die geistige Welt voneinander unterschieden. Vermischt man sie aber miteinander, so erscheinen unsere Urteile als falsch.
Wenn du zum Beispiel ein kleines Zimmer hast, dessen vier Wände jedoch mit vier großen Spiegeln verkleidet sind, und du gehst in dieses Zimmer hinein, so scheint dir dein kleines Zimmer so groß wie ein Platz zu sein. Wenn du nun sagst: »Ich sehe mein Zimmer, groß wie einen Platz«, so hast du es richtig gesagt. Sagst du aber statt dessen: »Mein Zimmer ist so groß wie ein Platz«, so sagst und beurteilst du (die Lage) falsch, denn du verwechselst die Welt der Gleichnisse mit der Welt der Tatsachen.
Was also die Beschreibung der sieben Schichten der Erde betrifft, die einige der Entdecker abgegeben haben, ohne sie auf der Waage des Buches und der Sunna zu wägen, so befasst sich diese nicht allein mit den physikalischen Verhältnissen, betrachtet aus dem Blickwinkel der Geographie. So sagen sie z.B.: »Eine der Schichten unserer Erde ist die der Dschinnen und Dämonen (ifrits). Sie erstreckt sich über Tausende von Jahren.« Dabei kann es doch auf unserem Globus, den man schon in ein, zwei Jahren umrunden könnte, eine solch merkwürdige Schicht gar nicht geben. Jedoch entsprechend der Vorstellung, dass unser Globus in der Welt der Bedeutungen (mana), der Symbole (misal), der Geister (ruh) und in der Zwischenwelt (Bersah) nur (so klein) wie der Same einer Tanne ist und das Bild des Baumes, das sich daraus ergibt und aus ihm entsteht, im Vergleich zu diesem Samenkern ein riesiger Tannenbaum, erschienen einem Teil der Leute der geistigen Schau auf ihrer inneren Reise in der Welt der Symbole einige Schichten der Erde als sehr weit ausgedehnt. Sie erschienen ihnen, als erstreckten sie sich über eine Reise von Tausenden von Jahren. Was sie gesehen haben, ist richtig. Da aber die Welt der Bilder in ihren Gestalten der physischen Welt gleicht, schauten sie die beiden Welten ineinander vermischt und erklärten sie in dieser Weise. In unsere alltägliche Welt wieder zurückgekehrt und, weil sie (die Dinge) nicht abwägen konnten, und, weil sie genau beschrieben, was sie erschaut hatten, dachte man, (diese Dinge) widersprächen der Realität (haqiqat).
So wie das Abbild eines großen Parks mit einem großen Schloss darinnen in einem kleinen Spiegel Platz finden kann, so kann auch in dieser unserer physischen Welt mit einer Entfernung von nur einem Jahr die Spiegelgestalt und eine innerliche Realität (haqaik-i manevi) mit einer Ausdehnung von Tausenden von Jahren ihren Platz finden.
Schlussfolgerung: So ergibt sich denn aus dieser Fragestellung, dass der Grad einer inneren Schau weit niedriger ist, als der Glaube an das Unsichtbare. Das heißt: Entdeckungen von einigen Heiligen, die einzig auf ihrer inneren Schau ohne (Kenntnis der) Zusammenhänge beruhen, können nicht (den Wert) von Aussagen von Theologen und Forschern erreichen, welche die Erben des Propheten sind und (deren Kenntnisse) der Glaubenswahrheiten, die zwar unbesehen überliefert, aber doch rein, umfassend und wahrheitsgemäß sind, nicht auf innerer Schau sondern auf dem Qur'an und der Offenbarung fußen. Und das heißt auch, dass die Ausgewogenheit zwischen allen Zuständen, Entdeckungen, Verzückungen und Schauungen auf dem Buch und der Sunna beruht. Und ihr Prüfstein sind die geheiligten Grundsätze, (abgeleitet) aus dem Buch und der Sunnah und die (mit klarem Blick) erfassten Lehrsätze der Theologen und Forscher.

Zweite bedeutende Fragestellung: folgendes Problem: Die Frage der Einheit allen Seins wird von vielen als die höchste Stufe (maqam) betrachtet. Doch diese Art Einheit allen Seins wurde unter den Sahabis, vor allem aber unter den vier Kalifen, die auf der Stufe der Großen Heiligkeit[Linkleri Görebilmek için Üye olmanýz Gerekmektedir.Üye olmak için Týklayýnýz.] tehen, ferner unter den Imamen aus dem Hause des Propheten insbesondere den Fünf Leuten des Mantels, ferner unter den großen Interpreten des Gesetzes, insbesondere den vier Imamen (der großen Rechtsschulen), ferner unter den Nachfolgern der Sahabis (Tabiine) nicht immer so deutlich gesehen. Sind etwa die, welche ihnen gefolgt sind, auf ihrem Wege weiter voran geschritten, und haben sie etwa eine noch vollkommenere Große Straße gefunden?
Antwort: Gott bewahre! Es steht niemandem zu, weiter als die Reinen (Asfiya) voranzuschreiten, die doch hinter der Sonne des Prophetentums die nächsten Sterne und seine voranstehenden Erben waren; denn ihnen gebührt in der Tat die Große Straße.
Was aber die Einheit allen Seins betrifft, so ist sie eine Methode und ein Zustand, jedoch eine Stufenleiter mit Fehlern. Weil (diese Methode) aber mit Freude und Frohsinn verbunden ist, wollen viele, die auf ihrer geistigen Reise diese Stufe erlangt haben, sie nicht wieder verlassen. Sie verbleiben dort und stellen sich vor, dass sie die letzte Stufe erreicht hätten.
Wenn also nun jemand, welcher der obigen Methode folgt, des Geistes ist, der sich der Materie entledigt, sein Fahrzeug hinter sich gelassen und den Schleier der Ursachen zerrissen hat und so zu (einem Zustand) innerer Schauungen gelangt und darin versunken ist, so mag ihm (eine Art) der Erfahrung (hal) und nicht der Erkenntnis (ilm) der Einheit allen Seins, die nicht aus (der Lehre von) der Einheit allen Seins sondern aus (der Lehre von) der Einheit alles Erschauten erwächst, einen (gewissen Zustand) der Vollkommenheit (kemal), einen Rang (maqam) sicher stellen. Ja, er kann sogar dahin gelangen, dass er um Gottes willen den Kosmos verleugnet. Wenn er andererseits in die (Welt der) Ursachen eingetaucht und von der Materie überwältigt ist und dann über die Einheit allen Seins spricht, kann ihn das schließlich dahin führen, dass er um des Kosmos willen Gott verleugnet.
So ist denn die große Straße in der Tat die Straße der Sahabis, der Tabiine und der Asfiya. Ihr allgemein gültiges Grundprinzip ist der Satz:


»Die Wahrheit in allen Dingen steht fest.«



Und der Aussage entsprechend:






gibt es kein Ding, das eine Ähnlichkeit mit Ihm hätte (Sure 42, 11). Er ist frei von Teilung und Spaltung. Seine Beziehung zum Dasein (maudjudat) besteht in Seiner Schöpferkraft (Khalikiyet). Das Dasein ist nicht Traum oder Vorstellung, wie das die Vertreter (der Lehre von) der Einheit allen Seins sagen. Auch die sichtbaren Dinge sind die Werke Gottes des Gerechten. Alle Dinge sind nicht »Er«, sondern alle Dinge sind von Ihm. Denn die Ereignisse können nicht ohne Anfang (qadim) sein. Wir wollen diese Angelegenheit dem Verständnis etwas näher bringen mit zwei Vergleichen:
Im ersten Vergleich gibt es da einen König. Dank seines Namens als der »gerechte Richter« (hakim-i adil) gehört ihm das Justizministerium, das die Manifestation seines Namens darstellt. Ein anderer Name ist »der Kalif«. Das Amt eines Scheich al-Islam und das Ministerium der Wissenschaften sind der Erscheinungsort dieses Namens. Er hat außerdem auch noch den Namen eines Oberkommandierenden. Unter diesem Namen zeigt er alle die Aktivitäten im militärischen (Bereich). Das Heer tritt auf unter diesem Namen. Wollte da nun jemand kommen und sagen: »Dieser König ist nur gerechter Richter. Es gibt kein anderes Amt als nur das Justizministerium.« In diesem Falle müssten die Eigenschaften der Gelehrten und ihre Arbeitsbedingungen im Amt des Scheich al-Islam – zwar nicht tatsächlich, aber doch in der Theorie – den Justizbeamten zugeschrieben werden. Ein nur zweitrangiges Schattenministerium eines Scheich al-Islam hätte nur noch eine imaginäre Existenz in dem tatsächlichen Ministerium für Justiz. Des Weiteren hätten wir wieder den angenommenen Fall, dass die Angelegenheiten und Zuständigkeiten im militärischen Bereich beim Justizministerium als eine Art von irrealem Militäramt angesiedelt wären. Usw... So ist denn in diesem Fall der wahre Name des Königs der »Gerechte Richter« und seine wahre Herrschaft läge im Justizministerium. Namen, wie »der Kalif, der Oberkommandierende, der Sultan« usw. wären nicht wirklich, sondern nur hypothetisch. Das Wesen des Königtums und die Wirklichkeit des Königreiches erfordern jedoch alle seine Namen als real und was die wahren Namen betrifft, so erfordern sie tatsächliche Ämter.
So erfordert denn die Göttliche Herrschaft, dass all die vielen Heiligen Namen, wie: der Erbarmer (Rahman), der Versorger (Rezzaq), der Spender (Vahhab), der Schöpfer (Khallaq), der Tätige (Fa'al), der Freigiebige (Kerim), der Barmherzige (Rahim) wirklich sind. Und diese wirklich (existenten) Namen erfordern auch, dass es tatsächlich (vorhandene) Spiegel gibt. Während aber nun die Vertreter der (Lehre von) der Einheit allen Seins sagen


»Es gibt kein Sein außer Ihm.«



reduzieren sie die Wirklichkeit der Dinge auf die Stufe einer Vorstellung. Die Namen Gottes des Gerechten »der notwendig Seiende (Vadjcibu-l'vudjud), der Daseiende (maudjud), der Allgegenwärtige (Vahid), der Einzigartige (Ahad), haben eine reale Erscheinungsform und einen (tatsächlichen) Anwendungsbereich. Wären ihre Reflexionen und ihre Anwendungsbereiche nicht wirklich vorhanden, wären sie nur in der Vorstellung oder überhaupt nicht vorhanden, könnte es ihnen nicht schaden. Hätte das, was dem, der da in Wahrheit ist, als Reflexionsfläche dient, nicht die Eigenschaft, existent zu sein, dann hätte sie (als Spiegel) einen noch (höheren Grad) von Reinheit und Glanz. Was jedoch Seine Namen wie: der Erbarmer (Rahman), der Versorger (Rezzaq), der Zornige (Kahhar), der Bezwinger (Djebbar), der Schöpfer (Khallaq) usw. betrifft, so wären sie nicht wirklich, sondern nur vorgestellt. Tatsächlich aber sind auch diese Namen genau so wirklich wie der Name »der Seiende«. Sie können keine bloßen Schatten sein. Sie sind existentiell und nicht akzidentiell.
So sagen denn die Sahabis, die Exegeten und die Imame aus dem Hause des Propheten


»Die Wahrheit aller Dinge steht fest.«



Gott der Gerechte hat in all Seinen Namen eine tatsächlich vorhandene Erscheinungsform. Für alle Dinge gibt es in Seiner Schöpfung eine akzidentielle Existenz. Nun ist zwar deren Existenz im Vergleich zu dem, der da notwendigerweise Sein muss, nur ein sehr schwacher, vergänglicher Schatten, nur ein Hauch, aber dennoch nicht nur eine Vorstellung, ein Phantasiegebilde. Gott der Allmächtige verleiht ihnen in Seinem Namen »der Schöpfer (Khallaq)« ein Dasein und diesem Dasein eine Dauer.

Zweiter Vergleich: Stellen wir uns z.B. an den vier Wänden dieses Zimmers vier Spiegel in voller Länge vor, so würde jeder einzelne von ihnen zugleich mit den anderen drei Spiegeln auch diesen Raum abbilden... doch enthielte jeder einzelne Spiegel entsprechend seiner Form und Farbe ein ihm eigenes Abbild des Zimmers. Kämen also nun zwei Leute in dieses Zimmer hinein, so könnte der eine von ihnen sagen, während er in einen der Spiegel hinein blickt: »Alles ist in ihm enthalten.« Wenn er dann von den anderen Spiegeln und den Bildern in ihnen hört, so schreibt er das, worüber er etwas gehört hat, einer kleinen Ecke dieses einen Spiegels zu, wodurch es gleich dem Schatten über einem Schatten (zu einem weiteren Abbild) wird, sich seine reale Existenz ein weiteres Mal abschwächt und umwandelt. Dann sagt er : »Ich sehe es auf diese Weise, und wenn das so ist, dann ist auch die Wirklichkeit dem gleich.« Doch sagt jetzt der andere zu ihm: »Du siehst das in der Tat so, und so wie du es siehst ist auch wahr. Doch die Wirklichkeit und die Wahrheit, so wie sie dir deine Seele (nefs) befiehlt, entspricht nicht dem wirklichen Bild der Wahrheit. Es gibt neben dem Spiegel, dem du deine Aufmerksamkeit schenkst, auch noch andere Spiegel. Sie sind nicht so winzig klein, wie du sie siehst, und nicht nur der Schatten eines Schattens.«
Und so verlangt denn jeder einzelne der Göttlichen Namen nach seinem jeweils eigenen Spiegel. So verlangt z.B. der Erbarmer (Rahman) und der Versorger (Rezzaq), weil sie ja wahr und ursprünglich sind, nach Wesen, die selbst würdig und der Versorgung und des Erbarmens bedürftig sind. So wie der Allerbarmer nach den der Versorgung tatsächlich bedürftigen Wesen (ruh) in einer wirklichen Welt verlangt, so verlangt auch der Allbarmherzige (Rahim) nach einem eben so wirklichen Paradies. Würde man nur die Namen »der Da-Seiende (maudjud)« und »der notwendigerweise Seiende (vadjibu-l'vudjud)« und »der Allgegenwärtig-Einzige (Vahid-i Ahad)« als real betrachten und dabei annehmen, dass alle die übrigen Namen in ihnen nur ein Schattendasein hätten, so müsste man dies als Ungerechtigkeit gegenüber diesen anderen Namen betrachten.
So entspricht es denn diesem Geheimnis, dass die Große Straße sicherlich die Straße der Gefährten (Sahabis), der Reinen (Asfiya), der Schüler der Sahabis (Tabiine), der Imame aus der Familie des Propheten und der Imame der großen Rechtsschulen ist, welche die Große Heiligkeit (velayet-i kubra) inne hatten und die erste Schicht der unmittelbaren Schüler des Qur'an bildeten.


»Gepriesen seist Du! Wir haben kein Wissen, außer dem, das Du uns gelehrt hast. Du bist der Allwissende und der Allweise.« (Sure 2, 32) »Unser Herr! Lass unsere Herzen nicht wieder abirren, nachdem Du uns recht geleitet hast. Gieße Dein Erbarmen (Rahmah) über uns aus. Denn Du allein bist der Geber aller guten Gaben (Vahhab).« (Sure 3, 8) »Oh Gott, schenke Deinen Frieden und Deinen Segen dem, den Du gesandt hast als ein Erbarmen für die Welt, seiner Familie und allen seinen Gefährten!«



Dritte Fragestellung: Ein wichtiges Problem, das nicht mit Vernunft und Verstand zu lösen ist.


»Er ist den ganzen Tag über tätig.« (Sure 55, 29) »Er tut, was er will.« (Sure 11, 107)



Frage: Was ist der Grund und die Weisheit in dieser erstaunlichen, ununterbrochenen Aktivitäten im Weltall? Warum hören diese unbeständigen Dinge nicht auf, zu bestehen, sondern drehen sich vielmehr beständig und bilden sich immer wieder von neuem?
Antwort: Um diese Weisheit (darzulegen), die sich dahinter verbirgt, wären tausend Seiten erforderlich. Weil dies nun so ist, wollen wir uns in unseren Darlegungen darauf beschränken, deren nur sehr kurze Zusammenfassung auf zwei Seiten zusammenzustreichen.
Wenn also nun eine Person eine natürliche Funktion erfüllt oder einer sozialen Aufgabe nachkommt und an dieser Aufgabe mit glühendem Eifer arbeitet, so wird jemand, der ihn dabei beobachtet, sicherlich verstehen, dass es zwei Dinge gibt, die ihn dazu antreiben, diese Aufgabe zu erfüllen:
Erstens: Das erste sind die Verdienste, die Früchte, die Vorteile, die ihm aus der Aufgabe erwachsen, und die man als den letztendlichen Grund bezeichnet.
Zweitens: Es gibt eine Liebe, eine Sehnsucht, ja geradezu ein Vergnügen, das ihn dazu antreibt, seine Aufgabe mit Begeisterung zu erfüllen, und das nennt man dann den notwendigen, den verständlichen Grund. Zum Beispiel: Bei der Einnahme einer Mahlzeit treibt der Genuss, der aus dem Appetit erwächst, einen Menschen dazu an, etwas zu essen. Danach ist dann das Ergebnis der Einnahme der Mahlzeit die Ernährung des Leibes und somit die Fortsetzung des Lebens. In gleicher Weise liegt in


»Und Gottes ist das höchste Beispiel.« (Sure 6, 91)



gestützt auf zwei Arten von Göttlichen Namen der Ehrfurcht erweckende Schauer unendlichen Schaffens im Universum in der Kraft zweier Weisheiten, deren jede wiederum grenzenlos ist:
Erstens: Die schönen Namen Gottes des Gerechten haben grenzenlos und unberechenbar viele Arten von Manifestationen. Die Vielzahl der Geschöpfe erwächst aus dieser Vielfalt an Manifestationen. Was diese Namen betrifft, so verlangen sie danach, sich in einer beständigen Weise zu manifestieren, das heißt, sie wollen ihren Schmuck zur Geltung bringen, das heißt, sie wollen die Manifestation ihrer Schönheit im Spiegel ihres Schmuckes sehen und zur Darstellung bringen, das heißt, sie wollen das Buch der Schöpfung und die Briefe des Seins in jedem Augenblick wieder erneuern, das heißt, (diese Namen) erfordern es, dass (die Bücher) in ihrer Bedeutung immer wieder neu geschrieben werden und dass jeder Brief zugleich mit dem Herrn der Heiligkeit und Träger aller Heiligen Namen von allen mit Bewusstsein begabten Wesen mit forschenden Blicken betrachtet und ihnen zu lesen gegeben werde.
Der zweite Grund und seine Weisheit: So wie die Tätigkeiten der Geschöpfe abhängig ist von ihrer Motivation, ihrer Lust, ihrer Begeisterung und also eine jede Tätigkeit mit einem gewissen Maß an Lust verbunden ist, ja jede Tätigkeit geradezu eine Art Vergnügen ist, so hat auch der Notwendig Seiende in einer ihm würdigen Weise und entsprechend Seiner ihm gemäßen Autarkie, Seinem vollendeten Reichtum, Seiner absoluten (kemal) Vollkommenheit eine Zuneigung (shefqat) von grenzenloser Heiligkeit, eine Liebe (muhabbet) von grenzenloser Heiligkeit. Und aus dieser heiligen Zuneigung, dieser heiligen Liebe erwächst eine grenzenlose heilige Begeisterung (shauk). Und aus dieser heiligen Begeisterung erwächst eine grenzenlose heilige Freude (surur). Und aus dieser heiligen Freude erwächst, mit Verlaub zu sagen, ein hoher Genuss von unendlicher Heiligkeit. Und aus diesem heiligen Genuss, diesem grenzenlosen Erbarmen, der Zufriedenheit und Vollkommenheit Seiner Geschöpfe innerhalb des Tätigkeitsbereiches Seiner Macht, die aus der Entfaltung und Vervollkommnung ihrer Fähigkeiten erwächst und dem Herrn allen Erbarmens und aller Barmherzigkeit zu Eigen ist, entfaltet sich, mit Verlaub zu sagen, eine grenzenlose heilige Befriedigung und ein grenzenloser heiliger Stolz, der in grenzenloser Weise eine grenzenlos fortdauernde Aktivität erfordert.
So geschieht denn dies alles, weil die (westliche) Naturwissenschaft, ihre Philosophie und Weisheit in ihrer Unkenntnis der obigen feinsinnigen Weisheit (behaupten, dass) die unbewusste Natur, der blinde Zufall und die starren Ursachen sich in diese in so hohem Grade mit Wissen, Weisheit und (einer klaren) Sichtweise (erfüllte) Handlungsweise eingemischt hätten, wodurch sie der Finsternis des Irrtums verfallen sind und das Licht der Wahrheit nicht finden konnte.


»Sag: Gott! Dann lass sie weiter in ihrem Sumpf miteinander spielen!« (Sure 6, 91) »Herr, lass unsere Herzen nicht in die Irre gehen, nachdem Du uns rechtgeleitet hast. Schenke uns Deine Barmherzigkeit, denn Du bist der Spender (aller Wohltaten).« (Sure 3, 8) »Oh Gott gib Deinen Frieden und schenke dem, der das Geheimnis des Talismans (Tilsim) des Kosmos gelöst hat, so viele Segnungen wie es Stäubchen allen Seins gibt, ihm, seiner Familie und seinen Gefährten, so lange wie der Himmel und die Erde bestehen.«




»Der Beständige ist der, der bleibt und besteht.«



Said Nursi