Siebzehnter Brief

(Anhang zum Fünfundzwanzigsten Blitz)

Ein Beileidsbrief zum Tode eines Kindes


»In Seinem Namen und fürwahr; es gibt kein Ding, das nicht lobend Ihn preist!« (Sure 17, 44)



Lieber Mitbruder Hafiz Halid Efendi,


»Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Barmherzigen; Und verkündige den Geduldigen, wenn ein Unglück sie trifft, dann sagen sie: Von Allah sind wir und zu Ihm werden wir zurückkehren.« (Sure 2, 155-156)



Mein lieber Bruder! Über den Tod deines Kindes bin ich sehr betroffen. Aber


»Der Urteilsspruch ist Allahs Sache.«



sich einzufügen in den Willen Gottes, sich zu ergeben in den Ratschluss des Herrn, ist Kennzeichen des Islam. Gott der Gerechte möge Ihnen Geduld zum Guten verleihen! Er möge es zum Quartiermeister und zu Ihrem Fürsprecher im Jenseits machen! Ihnen und anderen aufrechten Gläubigen, die in der gleichen Lage sind wie Sie, eine hohe und frohe Botschaft zu verkünden und eine wahrhaftige Tröstung aufzuzeigen, werden wir »Fünf Punkte« darlegen.


Erster Punkt: Das Geheimnis von


»Ewige Jünglinge« (Sure 76, 19)



im Weisen Qur'an ist folgendes, kurz erklärt: Die noch als Minderjährige verstorbenen Kinder der Gläubigen werden im Paradies ewig als beständig liebenswerte Kinder mit einem des Paradieses würdigen Aussehen verbleiben. Sie werden ihrem Vater und ihrer Mutter, wenn sie dereinst ins Paradies eingehen, auf ihrem Schoße ein ewiger Anlass zur Freude sein. Kinder werden ihren Eltern eine sichere Quelle zartester Empfindungen wie kindlicher Liebe und Liebkosungen sein. Behauptungen derer, welche sagen, es könne im Paradiese Kindesliebe und Liebkosungen nicht geben, weil dies ein Ort für Zeugung nicht sei, obwohl doch im Paradiese jede Art des Frohgenießens sich findet, entbehren der Wahrheit. Zudem bedeutet für ein kurzes Leben von zehn Jahren in dieser Welt Kindesliebe und Liebkosungen, vermischt mit Schmerz, millionenjahrelange Kindesliebe und Liebkosungen, unvermischt, rein und ohne Schmerz zu gewinnen, für Leute des Glaubens die größte Quelle der Glückseligkeit. Dafür gibt der Ausdruck


»Ewige Jünglinge« (Sure 76, 19)



aus dem ehrwürdigen Qur'anvers einen Hinweis und frohe Kunde.


Zweiter Punkt: Es war einmal ein Mann. Der saß in einem Gefängnis. Man schickte ihm eines seiner geliebten Kinder. Der arme Gefangene litt eines Teils unter seinem eigenen Kummer, zum anderen auch darunter, dass er seinem Kinde keine Bequemlichkeiten verschaffen konnte. Und darüber war er traurig. Da schickte der barmherzige Herrscher ihm einen Mann und ließ ihm sagen: »Dieses Kind ist zwar dein Sohn, aber es ist auch einer der Untertanen meines Volkes. Ich werde es zu mir nehmen und in einem schönen Schloss für es sorgen.« Da beginnt der Mann zu klagen und zu jammern und sagt: »Mein Sohn ist mir die Quelle meines Trostes. Ich gebe ihn nicht her.« Seine Mitgefangenen sagen zu ihm: »Dein Schmerz ist unsinnig. Anstatt dein Kind zu bedauern, solltest du lieber bedenken, dass es nicht länger in diesem dreckigen, stinkenden, bedrückenden Gefängnis zu verbleiben braucht. Es wird in ein Schloss gelangen und darinnen froh und glücklich sein. Wenn du um deiner selbst Willen traurig bist und deinen eigenen Vorteil suchst, so wisse, dass du außer einem zweifelhaften Gewinn nur Mühen, Sorgen und Bedrängnisse für das Kind haben wirst, wenn dein Sohn hier bleibt. Geht er aber dahin, wirst du tausend Vorteile haben. Denn er wird die Barmherzigkeit des Königs auf dich herabziehen und als dein Fürsprecher bei ihm gelten. Und der König wird wünschen, dass dein Sohn dich wieder sieht. Sicherlich wird er ihn nicht ins Gefängnis schicken, damit ihr euch hier begegnet, sondern dich aus dem Gefängnis holen und ins Schloss bringen lassen, um dich dort mit ihm zusammenzuführen. Das alles aber unter der Bedingung, dass du auf den König vertraust und ihm Gehorsam leistest.«
So wie in diesem Gleichnis, mein lieber Bruder, soll man, wenn einem Gläubigen wie dir, ein Kind stirbt, so denken: »dieses Kind ist unschuldig. Sein Schöpfer ist zudem barmherzig und freigiebig. Er hat ihm, statt meiner mangelhaften Fürsorge und Zärtlichkeit, Seine so vollkommene Gnade und Barmherzigkeit geschenkt und es zu sich genommen. Er hat es aus diesem irdischen Kerker mit seinen Mühen, Sorgen und Plagen herausgeholt und in den Garten Seines Paradieses geführt. Wie glücklich ist doch dieses Kind! Wäre es in dieser Welt geblieben, wer weiß, was aus ihm geworden wäre. Deswegen bedauere ich es nicht, sondern wisse, dass es glücklich ist. Bleibt noch zu sagen, dass – was mich und meinen eigenen Vorteil betrifft – so bedauere ich mich ebenfalls nicht, werde ich nicht traurig und betrübt, denn wäre es in der Welt geblieben, so hätte es mir für zehn Jahre seine vorübergehende, mit Sorgen vermischte kindliche Liebe geschenkt. Wäre es aufrichtig geblieben, begabt für einen weltlichen Beruf, hätte es mir wahrscheinlich geholfen. Doch durch seinen Tod wird es in der Ewigkeit des Paradieses zehn Millionen Jahre eine Quelle kindlicher Liebe sein und als ein Fürsprecher zur ewigen Glückseligkeit dienen. Wer einen augenblicklichen zweifelhaften Vorteil verloren, dafür aber tausend zukünftige, unzweifelhafte Vorteile gewonnen hat, ja, sicher und bestimmt wird derjenige nicht Trauer und Schmerz zeigen, nicht hoffnungslos jammern.


Dritter Punkt: Das verstorbene Kind war Geschöpf, Eigentum, Diener und Anbeter des barmherzigen Schöpfers, war ganz und gar Sein Werk und Ihm gehörig, den Eltern als ein Freund gegeben, der ihnen für kurze Zeit zur Betreuung überantwortet wurde. Vater und Mutter waren ihm zum Dienst bestellt. Den Eltern wurde für ihren Dienst als gegenwärtiger Lohn ein Wohlempfinden bei ihrer Liebe und Güte verliehen. Wenn nun der barmherzige Schöpfer, Herr über 999 Anteile von tausend, es in Seiner Barmherzigkeit und Weisheit für notwendig erachtet, dieses Kind aus deinen Händen zu nehmen und deinen Dienst an ihm zu beenden, ist es für Leute des Glaubens nicht angemessen, mit einem einzigen, scheinbaren Anteil gegen den Herrn der tausend wahrhaftigen Anteile mit deinem Jammern und Weinen zu klagen, vielmehr gleicht dies den Gottvergessenen und denen, die auf Irrwegen gehen.


Vierter Punkt: Wenn die Welt ewig wäre, auch der Mensch ewig darinnen bleiben könnte und auch die Trennung ewig wäre, dann hätten Kummer, Schmerz und hoffnunglose Betrübnis ihren Sinn. Da aber nun einmal diese Welt ein Gasthaus ist, darum werden Sie, werden auch wir dahin gehen, wohin das verstorbene Kind gegangen ist. Außerdem ist der Tod nicht nur deinem Kind bestimmt, sondern ein Weg, den ein jeder gehen wird. Und da nun einmal die Trennung nicht ewig ist, werden wir uns später einmal im Zwischenreich oder auch im Paradiese wiedersehen. Man soll


»Der Urteilsspruch ist Allahs Sache.«



sagen. Er hat gegeben. Er hat genommen, und


soll man in Geduld danken.

Fünfter Punkt: Die selbstlose Liebe ist unter den Erscheinungsformen der göttlichen Barmherzigkeit die zarteste, schönste, willkommenste, anmutigste und ein Erleuchtung schenkender Heiltrank. Sie ist stärker als jede Liebessehnsucht. Sie ist das Fahrzeug, mit dem man rasch Gott den Gerechten erreicht. So wie sich die irdische, diesseitige Liebe nach sehr vielen Mühen in die wahre Liebe verwandelt und Gott den Gerechten findet, so auch die selbstlose Liebe, jedoch verbindet sie ohne Mühe das Herz mit Gott dem Gerechten in einer noch kürzeren, reineren Weise. Sowohl der Vater als auch die Mutter lieben ihr Kind über alles in der Welt. Wird ihnen ihr Kind aus den Händen genommen, und sind sie wahre Gläubige, so wenden sie ihren Blick von der Welt ab, und finden den wahren Wohltäter (Gott). »Weil also nun die Welt vergänglich ist«, sagen sie, »ist sie es nicht wert, dass wir unser Herz an sie hängen.« Wohin nun auch immer das Kind gegangen ist, es entsteht die Neigung, dorthin zu gehen. Und so erlangen sie eine Haltung von geistiger Größe.
Leute, die in Gottvergessenheit dahin leben und auf Irrwegen gehen, sind von der Glückseligkeit und der frohen Botschaft dieser fünf Wahrheiten ausgeschlossen. Vergleichen Sie damit, wie schmerzlich ihre Lage ist!
Eine ältere Dame sieht ihr einziges, so vielgeliebtes Kind auf dem Sterbebett. Und weil sie sich die Welt in ihrer Gottvergessenheit und in ihrem Irrtum als ewig vorstellt, erscheint ihr der Tod als das Nicht-mehr-sein und die ewige Trennung, und sie sieht nicht mehr vor sich ein weiches Bett, sondern denkt an die Erde des Grabes. In ihrer Gottvergessenheit und in ihrem Irrtum denkt sie nicht an das Paradies der Barmherzigkeit, des Erbarmers, des Barmherzigen und die Gnade der ewigen Gärten.
So können Sie ermessen, in welcher Hoffnungslosigkeit sie Trauer und Schmerz erleidet. Aber Glaube und Islam, das Fahrzeug der Glückseligkeit beider Welten spricht zum Gläubigen: »Der barmherzige Schöpfer dieses Kindes, das auf dem Sterbebett liegt, wird es aus dieser schmutzigen Welt heraus in Sein Paradies führen, für dich sowohl zum Fürsprecher machen als auch zu einem ewigen Sohn. Die Trennung ist nur eine vorübergehende. Darum mache dir keine Sorgen! Sprich:


»Der Urteilsspruch ist Allahs Sache.« »Denn Allahs sind wir und zu Ihm kehren wir zurück.« (Sure 2, 156)



Sei geduldig!


»Der Beständige ist Er, der bleibt und besteht.«



Said Nursi